
Nach der Leukämie-Diagnose ihres Sängers machten Behemoth nicht das erwartbare Trotz-Album, sondern ihr menschlichstes — und ausgerechnet damit ihr bösestes.
Man kann „The Satanist" nicht hören, ohne zu wissen, was davor lag. 2010 wurde bei Adam „Nergal" Darski Leukämie diagnostiziert; er verbrachte Monate in Isolation, überstand eine Knochenmarktransplantation und war längere Zeit nicht sicher, ob er je wieder auf einer Bühne stehen würde. Das Album, das daraus entstand, klingt nicht nach Genesung. Es klingt nach jemandem, der zurückkommt und sehr genau weiß, wofür.
Der entscheidende Unterschied zu allem davor ist die Luft. Behemoth waren eine Maschine — Blastbeats, Triggersound, alles auf Anschlag, alles poliert. Hier atmet es. „Blow Your Trumpets Gabriel" schleicht, statt zu rasen. „Messe Noire" öffnet sich, es gibt Raum zwischen den Instrumenten, dreckige Gitarrentöne, Bläser- und Streichersätze, sogar ein Saxofon. Das ist kein Zugeständnis, das ist eine Erweiterung: Die Band traut sich plötzlich, gefährlich zu klingen statt nur brutal.
Der Titeltrack ist das Herz. Ein Song, der sich Zeit nimmt, Nergals Stimme rau und ungeschminkt, ein Gitarrensolo, das keine Technikschau ist, sondern klagt. Und dann „O Father O Satan O Sun!" am Ende: acht Minuten, die aus dem Ritual eine Katharsis machen und mit gesprochenen Zeilen ausklingen, als würde jemand nach dem Feuer die Asche betrachten.
Schwachstellen? Wer Behemoth für die klinische Präzision von „Evangelion" liebte, wird das rauere, organischere Klangbild als Verlust empfinden. Und ja, die Blasphemie ist Programm — wer sich daran stößt, findet hier nichts, was ihn versöhnt.
Zwölf Jahre später ist die Einordnung klar: Das ist ihr bestes Album und eines der wichtigsten Extreme-Metal-Werke des Jahrhunderts. Dass Nergal für 2027 eine Pause ankündigt, macht diese neun Songs nur eindringlicher — hier steht, wozu diese Band fähig ist, wenn es um alles geht.
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Stärken
- +Lässt der Musik erstmals Luft — Raum statt Dauerbeschuss
- +Nergals Stimme: rau, ungeschminkt, existenziell
- +Bläser, Streicher, ein Saxofon — Erweiterungen, die tatsächlich tragen
- +"O Father O Satan O Sun!" — acht Minuten Katharsis als Finale
- +Gefährlich statt nur brutal
Schwächen
- −Wer die klinische Präzision von "Evangelion" liebte, vermisst den Maschinensound
- −Die kompromisslose Blasphemie ist kein Beiwerk — sie ist der Kern
- −Einzelne Passagen sind bewusst sperrig und verweigern sich beim ersten Hören
Fazit
Das Album, in dem eine Maschine anfing zu atmen — und dadurch bedrohlicher wurde als je zuvor. „The Satanist" ist Behemoths Meisterwerk und einer der wenigen Extreme-Metal-Klassiker dieses Jahrhunderts, an dem sich nichts abnutzt.
Tracklist
- 01Blow Your Trumpets Gabriel
- 02Furor Divinus
- 03Messe Noire
- 04Ora Pro Nobis Lucifer
- 05Amen
- 06The Satanist
- 07Ben Sahar
- 08In the Absence Ov Light
- 09O Father O Satan O Sun!