
Das Live-Album, das kein richtiges Live-Album ist — und trotzdem eine Band rettete, ein Label vor der Pleite bewahrte und den Bauplan für fünfzig Jahre Stadion-Rock lieferte.
Reden wir zuerst über den Elefanten im Raum: Auf „Alive!" ist nicht alles live. Gitarren wurden nachgespielt, Gesang korrigiert, Publikumsgeräusche großzügig verteilt — KISS und Produzent Eddie Kramer haben aus rohem Konzertmaterial ein Idealbild gebaut. Puristen halten das bis heute für Betrug. Und sie haben recht. Es ist trotzdem eines der wichtigsten Live-Alben, die je erschienen sind.
Denn 1975 war KISS eine Band mit drei kommerziell gescheiterten Studioalben und einem Ruf, der nur eines besagte: Live sind die unfassbar. Genau dieses Phänomen mussten sie auf Vinyl bekommen — nicht als Dokument, sondern als Versprechen. Und das gelingt: „Deuce" startet mit einer Ansage, die den Saal in Brand setzt, „Black Diamond" bekommt endlich die Wucht, die ihm im Studio fehlte, und „Rock And Roll All Nite", auf Platte ein netter Refrain, wird hier zu einer Hymne, die die Band für die nächsten fünfzig Jahre ernähren wird.
Der Trick ist die Dramaturgie. Paul Stanleys Zwischenansagen sind Zirkusdirektor-Rhetorik, die man entweder liebt oder unerträglich findet; die Songs sind auf Maximalwirkung getrimmt, jedes Solo an der richtigen Stelle, kein Leerlauf zwischen den Nummern. Was hier verkauft wird, ist nicht ein Konzert, sondern die Idee eines Konzerts — und die ist größer als jeder reale Abend.
Das Alter merkt man dem Ding trotzdem an. Der Sound ist eng, der Bass eine Ahnung, und wer die überlangen Soli der Mitte durchsteht, hat sich seinen Applaus verdient. Vier Seiten Vinyl sind auch 1975 kein Naturgesetz gewesen.
Aber die Rechnung ging auf: „Alive!" rettete Casablanca Records vor der Pleite und machte aus einer Clubband ein Stadionphänomen. Wer verstehen will, warum KISS ihre Anaheim-Show von 1976 nun feierlich als Album veröffentlichen, muss hier anfangen. Das hier ist der Bauplan.
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Stärken
- +Macht aus soliden Studiosongs Hymnen — "Black Diamond", "Deuce"
- +Dramaturgie ohne Leerlauf: jedes Stück auf Maximalwirkung getrimmt
- +"Rock And Roll All Nite" wird hier erst zu dem Song, den alle kennen
- +Definiert, wie ein Hard-Rock-Live-Album zu klingen hat
Schwächen
- −Nicht wirklich live — Overdubs und Publikumsgeräusche wurden großzügig nachgereicht
- −Der Sound ist eng, der Bass kaum vorhanden
- −Die langen Soli in der Mitte prüfen die Geduld
- −Paul Stanleys Ansagen sind Geschmackssache — im Würgegriff des Zirkusdirektors
Fazit
Ein schön frisiertes Dokument, das mehr Wahrheit enthält als jede ehrliche Aufnahme: „Alive!" verkauft nicht einen Abend, sondern die Idee von KISS — und die ist größer als jedes echte Konzert. Historisch unverzichtbar, klanglich gealtert, unterhaltsam bis heute.
Tracklist
- 01Deuce
- 02Strutter
- 03Got To Choose
- 04Hotter Than Hell
- 05Firehouse
- 06Nothin' To Lose
- 07C'mon And Love Me
- 08Parasite
- 09She
- 10Watchin' You
- 11100,000 Years
- 12Black Diamond
- 13Rock Bottom
- 14Cold Gin
- 15Rock And Roll All Nite
- 16Let Me Go, Rock 'N' Roll