
Nocturnal
Zwanzig Jahre nach Erscheinen ist klar: Mit ihrem dritten Album haben The Black Dahlia Murder den amerikanischen Melodic Death Metal neu vermessen — und ihren eigenen Maßstab gesetzt, den sie nie wieder ganz erreichten.
2007 war kein gutes Jahr, um Melodic Death Metal zu spielen. Das Genre war zu einer Ware geworden: Gothenburg-Riffs von der Stange, Metalcore-Bands mit Seitenscheitel, und mittendrin eine Band aus Detroit, der man vorwarf, genau dazuzugehören. Dass ausgerechnet The Black Dahlia Murder mit ihrem dritten Album alles einsammelten, was in dieser Musik noch an Wildheit steckte, hat damals nicht jeder kommen sehen. Heute, zwanzig Jahre später, ist „Nocturnal" der Maßstab.
Es beginnt mit einem Schlag ins Gesicht. „Everything Went Black" braucht drei Sekunden, um klarzumachen, dass hier niemand Kompromisse verhandelt: Shannon Lucas, damals frisch an den Drums, treibt ein Tempo, das keine Luft lässt, und Trevor Strnad kreischt, als würde ihm gerade die Haut abgezogen. Genau hier findet er jene Stimme, die ihn unverwechselbar machen wird — die hohen Schreie schneidend und schwarzmetallisch, die Growls tief genug, um den Kontrast zur Waffe zu machen.
Was dieses Album über seine Zeitgenossen hebt, ist die Melodie. Nicht die freundliche In-Flames-Sorte, sondern die eisige, todtraurige Linie, die Dissection einst gezogen haben. „Deathmask Divine" schichtet Refrains, die man mitsummen könnte, wären sie nicht so abgründig. „What A Horrible Night To Have A Curse" ist der Ohrwurm, der bis heute jede Setlist trägt. „To A Breathless Oblivion" wagt sich am weitesten hinaus — ein fast melancholisches Stück, das zeigt, wie viel Bandbreite in dieser Band steckte. Und „Warborn" schließt ab, indem es alles noch einmal einsammelt.
Brian Eschbach und John Kempainen — dessen letzte Platte mit der Band das hier ist — liefern Soli, die nicht als Fingerakrobatik enden, sondern die Düsternis verlängern. Und die Produktion, damals als etwas zu triggerlastig kritisiert, klingt heute schlicht: groß. Zehn Songs, keine vierzig Minuten, kein einziger Füller.
Was man 2026 nicht mehr neutral hören kann, ist Strnads Stimme. Seit seinem Tod 2022 liegt über diesen Aufnahmen ein Schatten, der damals nicht dazugehörte — und der, so bitter es ist, ihre Wucht noch verstärkt. Wenn die Band 2027 mit „Two Decades Of Nocturnal" durch Europa zieht, ist das kein nostalgischer Aufguss. Es ist die Feier eines Albums, das die Latte für eine ganze Generation gelegt hat — und sie bis heute nicht wieder herunterließ.
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Stärken
- +Trevor Strnads beste Gesangsleistung — schneidend, giftig, unverwechselbar
- +Melodien mit echtem Abgrund statt freundlicher Gothenburg-Ware
- +Shannon Lucas' Drumming: rasend und trotzdem erfinderisch
- +Zehn Songs, keine vierzig Minuten, kein Gramm Füller
- +Soli, die die Düsternis verlängern statt sie zu unterbrechen
Schwächen
- −Strnads hohe Schreie bleiben Geschmackssache — wer sie nicht mag, kommt nirgends unter
- −Der Bass verschwindet weitgehend im Mix
- −Wer stilistische Überraschungen sucht: Das Album macht eine Sache, und die kompromisslos
Fazit
Der Goldstandard des amerikanischen Melodic Death Metal — kompromisslos schnell, abgründig melodisch und getragen von einer Gesangsleistung, die bis heute niemand kopiert bekommt. Zwanzig Jahre später klingt „Nocturnal" nicht gealtert, sondern unantastbar.
Tracklist
- 01Everything Went Black3:17
- 02What A Horrible Night To Have A Curse3:50
- 03Virally Yours3:02
- 04I Worship Only What You Bleed1:59
- 05Nocturnal3:12
- 06Deathmask Divine3:37
- 07Of Darkness Spawned3:22
- 08Climactic Degradation2:39
- 09To A Breathless Oblivion4:57
- 10Warborn4:40